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28.12.2018 | permalink

Wir essen zu viel Fleisch

Rotes Fleisch ist begehrt. Weltweit steigt der Konsum massiv an. ©sn/dpa

THOMAS HÖDLMOSER, Salzburger Nachrichten v. 23.02.2019 (Wochenende, S. 2 u. 3)

Der Mensch isst zuviel Tier. Das schadet uns, den Nutztieren und dem Planeten.

Es ist an der Zeit, umzudenken

Tierleid, Zivilisationskrankheiten, Klimaerwärmung: Die Folgen des weltweit steigenden Fleischverbrauchs sind gravierend. Ethiker und Philosophen fordern ein radikales Umdenken.

“Aber nichts kann uns rühren, nicht die blühende Farbe, nicht die einschmeichelnde melodische Stimme, nicht die Reinlichkeit ihrer Lebensweise, nicht die außerordentliche Klugheit der armen Geschöpfe. Nein, für ein kleines Stückchen Fleisch rauben wir ihnen Sonne und Licht, die Lebenszeit, für die sie doch geboren und geschaffen sind.”

Die Worte stammen von Plutarch. Er hat sie vor rund 1900 Jahren niedergeschrieben. Der griechische Schriftsteller und Vordenker, der sich viel den Kopf zerbrach über Fragen der Moral, kritisierte seine Zeitgenossen wegen deren achtlosen Umgangs mit den Mitgeschöpfen. “Es ist einfach empörend, die Tafel reicher Leute zu sehen – mit Leichenteilen, angerichtet von Fleischern und Köchen. Aber noch empörender ist es zu sehen, wie alles wieder abgetragen wird. Es bleibt nämlich mehr übrig als gegessen wurde. So viele Tiere sind umsonst getötet worden.”

Was hat sich verändert, seit Plutarch den gedankenlosen Umgang seiner Zeitgenossen mit Tierfleisch kritisiert hat?

Tierphilosoph: “Eine Wohlstandsverwahrlosung”

Nicht viel, wie es scheint – außer dass noch viel mehr konsumiert und weggeworfen wird als in der Antike. “Menschen haben nicht von jeher in diesen rücksichtslosen Massen Fleisch verzehrt und verschwendet, wie wir das heute tun”, sagt der Schweizer Tierphilosoph Markus Wild. “Das ist eine Wohlstandsverwahrlosung, kein natürliches Verhalten.”

Der Massenkonsum von Fleisch wurde möglich durch die Massenhaltung von Tieren: Schweine, die auf engstem Raum dahin vegetieren; männliche Küken, die gleich nach der Geburt vergast werden; quälende Transporte von Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden, Geflügel quer durch Europa bis nach Afrika oder in den Nahen Osten. Wir kennen die Bilder von durstigen Kälbern, die ihre Zungen aus den Luken der Transporter strecken und von Schweinen, die tot am Boden der Transporter liegen. Wir sind kurz empört. Und freuen uns am nächsten Tag über das extra große Aktions-Schnitzel im Möbelhaus zum Preis von 3,90 Euro. Wie sagte schon Bertolt Brecht: “Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!”

Menschen sind Omnivoren, also Allesfresser. Fleisch gehörte schon immer zu unserem Speiseplan. Vor vier Millionen Jahren vertilgten unsere Vorfahren Aasfleisch, vor zwei Millionen Jahren ging der Homo erectus dann aktiv zur Jagd. Allerdings: Das Jagen war anstrengend, es verbrauchte viel Energie. Deshalb aßen die Urmenschen vor allem Früchte, Blätter, Knollen, Pilze, Beeren, Nüsse, Insektenlarven, Fisch.

Erst der vermehrte Verzehr von Fleisch habe das Wachstum unseres Gehirns ermöglicht, lautet eine Forschungsthese. Fleischnahrung war demnach Teil der Erfolgsgeschichte des Menschen. Die Fleischindustrie wird auch nicht müde, zu betonen, dass Fleisch ein äußerst wertvoller Lieferant biologisch hochwertiger Nährstoffe wie Eiweiß, Eisen, Zink, Selen und Vitaminen sei.

Den Österreichern muss man das nicht zwei Mal sagen. Im Schnitt isst jeder Österreicher im Jahr mehr als 60 Kilo Fleisch. Damit liegt Österreich in der EU auf Platz 3. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch hierzulande in den vergangenen Jahren leicht gesunken. Umso mehr steigt die weltweite Nachfrage – sie wird laut Schätzungen von derzeit 330 Millionen Tonnen auf über 450 Millionen Tonnen im Jahr 2050 ansteigen.

Artikel in der Salzburger Nachrichten v. 23.02.2019

Fleisch war früher immer ein Luxuslebensmittel

Über Millionen Jahre war Fleisch die Krönung des Speiseplans, ein Luxuslebensmittel. In den vergangenen Jahrzehnten erst machte die Fleischindustrie daraus ein erschwingliches Produkt für den täglichen Konsum. Billiges Fleisch, das täglich verfügbar ist – Fleischfreunde mag das freuen. Aber ist es ethisch vertretbar?

Bei Experten, die sich mit dieser Frage beschäftigen, gibt es dazu unterschiedliche Meinungen. Manche lehnen den Fleischkonsum prinzipiell ab, andere sind für einen pragmatischen Zugang. “Wenn man das einzelne Tier sieht und seine Bedürfnisse und Rechte, muss man jedenfalls gute Gründe haben, warum man ein Tier töten will”, sagt Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz mit dem Schwerpunkt Tierethik. Solche Gründe gebe es – allerdings mit Einschränkungen. “Ich glaube schon, dass es in Grenzen verantwortbar ist, Tiere zu töten und Fleisch zu essen, weil wir noch kein landwirtschaftliches System entwickelt haben, in dem wir ohne Tiere auskommen.”

Tierschützer, Tierethiker, Tierphilosophen führen als Argument das bewusste Empfinden und die Leidensfähigkeit von Tieren ins Treffen. Es gebe genug wissenschaftliche Nachweise dafür, dass Säugetiere, Fische, Vögel Schmerzen empfänden. Deshalb müsse man diese Tiere entsprechend gut behandeln.

Dass Tiere Angst empfinden können und unter Schmerzen leiden, spielt in der industriellen Fleischproduktion aber keine Rolle. Und wir Konsumenten verdrängen das Tierleid tunlichst, wenn wir im Supermarkt vor dem Regal mit der Wurst und dem Faschiertem stehen, das gerade zum Aktionspreis angeboten wird. Niemals kämen wir auf die Idee, unsere Dackel oder Golden Retriever in einem Massenstall auf engstem Raum auf Vollspaltenböden hausen zu lassen, sie hochzuzüchten und dann bedenkenlos zu verspeisen. Mit Schweinen machen wir genau das. Dabei sind sich gerade Hund und Schwein in vielem ähnlich. “Beide sind intelligente Tiere, sie sind soziale Säugetiere, sie empfinden Angst und Stress”, sagt die Evolutionsbiologin Sylvia Kirchengast von der Universität Wien. “Schweine merken es auch, wenn es einem Artgenossen schlecht geht. Wenn sie zum Schlachthof gebracht werden, versuchen sie auszubrechen.” Auch Tierethiker Herwig Grimm von der Veterinärmedizinischen Universität Wien betont, was die Empfindungsfähigkeit betreffe, seien die Unterschiede zwischen Schwein, Hund und Katze, Huhn oder auch Fisch marginal. “Ich sehe keine Grund anzunehmen, dass Fische nicht empfindungsfähig sein sollten.”

Experten-Tipp: Pro Woche nur drei Portionen Fleisch

Es sind nicht nur moralische Gründe, die gegen den übermäßigen Fleischkonsum sprechen. Zu viel Fleisch schadet auch der Gesundheit, mögliche Folgewirkungen sind Herz- und Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes, steigendes Darm- und Magenkrebsrisiko. Nicht umsonst raten Ärzte, Maß zu halten. Die offiziellen Ernährungsempfehlungen der “Österreichischen Ernährungspyramide” lauten: pro Woche maximal drei Portionen fettarmes Fleisch oder fettarme Wurst, ein bis zwei Portionen Fisch, maximal drei Eier.

Nicht zu vergessen: Der zunehmende Fleischkonsum schadet dem Planeten. Nutztiere müssen gefüttert werden. Dafür importiert allein Österreich jährlich hunderttausende Tonnen Soja. Um dieses Soja anzubauen, wird Regenwald abgeholzt – was bedeutet, dass noch mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt und das Klima anheizt. Dazu kommen die Emissionen bei den Tiertransporten und der Ausstoß des Treibhausgases Methan durch Wiederkäuer.

Ein Umdenken fordern auch immer mehr Landwirte. “Die Vorschriften gehören wesentlich verschärft”, sagt Hannes Hönegger, der in Lessach im Lungau mit einigen Mitstreitern einen gewerblichen Bioschlachthof aufgebaut hat. Zur Schlachtung kommen nur Biorinder aus der Region, damit die Transportwege kurz sind. Und jedes Rind kommt einzeln in den Schlachtraum, sodass kein Stress ausbricht. Das nützt nicht nur dem Tier, das Beispiel zeigt auch, dass es wirtschaftlich funktioniert: “Wir haben innerhalb von zwei Monaten 19 Arbeitsplätze geschaffen”, sagt Hönegger.

Anmerkung: auf der Seite 1 der sehr geschätzten SN eine markabre Darstellung

Menschen sollen mehr Hülsenfrüchte und Obst essen

Freilich muss der Konsument mitspielen. Wenn die Kunden den Fleischkonsum auf ein Viertel reduzieren würden, könnten sie mehr für das Fleisch bezahlen und die Bauern könnten die Tiere besser halten, sagt Moralphilosoph Rosenberger. Fleisch müsse, wie früher, von einem Massen- zu einem Luxusgut werden, sagt Tierphilosoph Wild. “Oder wir sollten auf intensiv gehaltene Tiere wie Hühner und Schweine ganz verzichten und nur noch jene Rinder zulassen, die wir zu Erhaltung des Weidelandes unbedingt brauchen. Oder das Fleisch nur noch über die Jagd gewinnen und diese strengen Kontrollen unterwerfen.” Auch eine lokale Fischproduktion wäre eine Alternative. “Alle diese Vorschläge führen zu einer massiven Verteuerung von Fleisch, und das ist auch gut so.” Die Menschen hätten genug Geld. Es werde nur falsch investiert. “Wir geben immer weniger für das Essen, aber immer mehr für Reisen, Unterhaltung und Elektronik aus.”

Das klingt im ersten Moment radikal. Doch immer mehr Experten fordern ein radikales Umdenken. Die Menschheit müsse die Essgewohnheiten von Grund auf ändern, um katastrophale Schäden für die Erde zu vermeiden, so der Tenor eines aktuellen Expertenberichts der EAT-Lancet-Kommission. Demnach sollten pro Tag maximal 35 Gramm an rotem Fleisch konsumiert und mehr Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse gegessen werden.

Ob die Menschen ihren Speiseplan irgendwann derart umstellen, ist fraglich. Tierphilosoph Wild ist sich immerhin in einem Punkt sicher – wie kommende Generationen über uns urteilen werden: “Rückblickend wird man auf unseren Umgang mit Tieren ebenso fassungslos zurückblicken wie wir heute auf die Hexenverbrennung.”

Mehr Energie vom Acker schadet der Artenvielfalt

Weltagrarbericht‏ am 28.12.2018 auf twitter

Die Ausweitung des Anbaus von Energiepflanzen würde der Artenvielfalt genauso schaden wie der Klimawandel. Das ist das Ergebnis einer Studie von Forschern der Technischen Universität München (TUM) und der Durham University, die im Fachblatt PNAS erschienen ist. Das Vorhaben, den Klimawandel zu begrenzen, indem Energie aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Raps, Ölpalme und Co. statt aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird, sei ein „Holzweg“ und gefährde die Lebensräume von Wirbeltieren in gleichem Maße wie der Klimawandel. „Um den Klimawandel damit wirksam zu begrenzen, müssen wir bis 2100 auf circa 4,3 Prozent der globalen Landflächen Bioenergie-Pflanzen anbauen – das entspricht fast der 1,5-fachen Fläche aller EU-Länder zusammen. Damit schaden wir der biologischen Vielfalt, die in diesen Gebieten bisher zuhause ist, gravierend“, sagte Dr. Christian Hof, der am Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt forschte. „Die negativen Auswirkungen des Klimawandels, die mit maximaler Bioenergie-Nutzung verhindert werden könnten, werden diese Verluste nicht wettmachen.“

Die Studie richtet den Fokus auf die biologische Vielfalt und untersuchte auf globaler Ebene, wie Amphibien, Vögel und Säugetiere den Klima- und den Landnutzungswandel bis 2100 zu spüren bekommen. Die Forscher verglichen zwei Szenarien – eines mit maximaler Bioenergie-Nutzung, um die Erderwärmung auf etwa 1,5 Grad zu begrenzen, und ein Szenario mit minimaler Bioenergie-Nutzung, das bis 2100 einen Temperaturanstieg um etwa 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitraum mit sich bringen würde. Das Ergebnis: Bei beiden Szenarien sind rund 36% der Lebensräume von Wirbeltieren entweder durch den Klimawandel oder die neue Landnutzung infolge des Anbaus von Bioenergie-Pflanzen massiv gefährdet. „Die Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sind also vergleichbar. Unterschiedlich ist nur, auf wessen Konto sie gehen“, erklärt Dr. Alke Voskamp vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum. Außerdem gebe es Gebiete, in denen Wirbeltieren von einer Doppelbelastung bedroht seien, da sie sowohl unter Energiepflanzen-Plantagen als auch höheren Temperaturen zu leiden hätten. „Bei einem geringeren Temperaturanstieg bis 1,5 Grad, den wir durch die maximale Nutzung von Bioenergie erkaufen, könnten sogar größere Flächen unter dieser Doppelbelastung leiden“, so Voskamp.

„Obwohl die Auswirkungen der Ausweitung von Anbauflächen für Bioenergiepflanzen auf die Biodiversität von einer Vielzahl an Faktoren abhängen, wie der regionale Kontext, der Standort, der vorige Lebensraum sowie die Art des Energiepflanzenanbaus, zeigte sich, dass die Folgen an verschiedenen Orten negativ waren“, schreiben die Autoren. Sie räumten zwar ein, dass ihre Studie nur generelle Trends darlegen und für bestimmte Arten oder Standorte keine Aussagen treffen könne, doch sie zeige, dass die massive Ausweitung der Anbauflächen für Energiepflanzen der falsche Weg sei. „Der Klimawandel ist nach wie vor eine der größten Bedrohungen für die biologische Vielfalt und muss möglichst auf 1,5 Grad Temperaturerhöhung begrenzt werden“, sagt Hof. Doch dafür gebe es nur einen unbequemen Weg: Statt auf andere Formen der Energiegewinnung auszuweichen sei es notwendig, Energie einzusparen. „Unsere Studie fordert eine sofortige und signifikante Verringerung des Energieverbrauchs – zugunsten der Artenvielfalt und zur Erreichung der Ziele des Abkommens von Paris“, schreiben die Wissenschaftler im Abstract. (ab)